Palenque

Die Grabplatte von Palenque

Ein Beweis für außerirdische Besucher?

Ein Report von Walter Hain

Im Frühjahr 1949 wurde der mexikanische Archäologe Dr. Alberto Ruz Lhuillier, vom mexikanischen Nationalinstitut für Völkerkunde und Geschichte, zum Direktor der Forschungen in Palenque, einem Maya-Zentrum in Mexiko, ernannt. Dr. Lhuillier wusste, dass die früheren Bewohner Mittelamerikas die Gewohnheit hatten, über ältere Bauwerke weiterzubauen und so suchte er im größten Bauwerk von Palenque, im Tempel der Inschriften, nach einem älteren Unterbau. Oben auf dem pyramidenförmigen Tempel steht eine Säulenhalle und drinnen fiel Lhuillier, wie auch schon anderen Archäologen zuvor, besonders eine Bodenplatte auf, die entlang ihrer Ränder zwei Reihen von Löchern, die mit Pflöcken aus Stein versehen waren, hatte. Nachdem Lhuillier die umliegenden Platten, die bereits von Schatzsuchern entfernt und zerbrochen waren, etwas freimachte, stellte er fest, dass die Mauern des Tempels unter den Fußboden hinunterführten.

Am 19. Mai 1949 begann Lhuillier schließlich mit der Grabung und einige Tage später fand er eine Treppe, die nach unten führte. In etwa zehn Monaten Grabung war die ganze Treppe bis zu ihrem freien Ende freigelegt und Lhuillier wusste, dass er seinem Ziel nahe war. Am 13. Juli 1952 stand der mexikanische Archäologe mit seinen Männern vor einer zwei Meter hohen dreieckigen Platte, die einen Eingang versperrte. Am 15. Juli 1952 öffnete Lhuillier diesen Eingang und er stand – wie er vorerst meinte – vor einem Zeremonienalter, dessen Oberfläche „einige hieroglyphische Inschriften mit 13 abgekürzten Daten, die dem Anfang des 7. Jahrhunderts n. Chr. entsprechen, trägt, während seine Oberfläche eine von astronomischen Zeichen umgebene symbolische Szene zeigt“.

Lhuillier stellte jedoch bald fest, dass es sich um einen Sarkophag handelt und am 27. November 1952 hoben sie den 3,80 Meter langen, 2,20 Meter breiten und etwa 5 Tonnen schweren Deckel. Drinnen lag von verschiedenen Jadestücken bedeckt, ein Skelett, dessen Statur „größer war als die des durchschnittlichen Maya von heute“, und es war klar, dass hier ein echter König bestattet wurde. „Bei der Bestattung trug die Person über ihrem Gesicht eine prächtige Maske aus Jademosaik, deren Augen aus Muscheln und die Iris aus Obsidian bestanden, während Pupillen durch dahinter liegendes Schwarz dargestellt wurden.“ Später konnte Lhuillier, aus den Schriftsymbolen am Sarkophag, ein Datum ermitteln: nämlich den 27. Januar 633 n. Chr. Er meinte, es sei das Datum, an dem der Tempel der Inschriften in Palenque errichtet wurde.

 

Dieses Relief auf der Grabplatte im Tempel der Inschriften in Palenque löste in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Spekulationen aus. Schon im Jahr 1966 hatten die beiden Franzosen Guy Tarade und André Millou vom CEREIC in Nizza, die Idee, dass dieses Relief die Darstellung eines Astronauten ist, wobei das Bild im Hochformat zu betrachten sei. Im Jahr 1967 schlug Gilbert Bourquin aus Biel vor, mit diesem Bild eine Sciencefiction-Ausstellung zu schmücken.

Aufsehen und größeres Interesse erregte das Relief jedoch 1968, als es Erich von Däniken in seinem Buch „Erinnerungen an die Zukunft“ veröffentlichte und dieses präastronautisch deutete: „Erst 1935 wurde in Palenque (Altes Reich) eine Steinzeichnung gefunden“, schreibt Däniken, „die mit größter Wahrscheinlichkeit den Gott Kukumatz (in Yukatán: Kukulkan) konterfeit. Es bedarf keiner überhitzten Phantasie, auch den letzten Skeptiker zum Nachdenken zu zwingen, wenn man ganz unvoreingenommen, ja naiv, diese Steinzeichnung betrachtet. Da sitzt ein menschliches Wesen, mit dem Oberkörper vorgeneigt, in Rennfahrerpose vor uns; sein Fahrzeug wird heute jedes Kind als Rakete identifizieren. Das Vehikel ist vorn spitz, geht über in merkwürdig gerillte Ausbuchtungen, die Ansauglöchern gleichen, wird dann breiter und endet am Rumpf in eine züngelnde Feuerflamme.

Das Wesen selbst, vornüber geneigt, bedient mit den Händen eine Reihe undefinierbarer Kontrollgeräte und setzt die Ferse des linken Fußes auf eine Art Pedal. Seine Kleidung ist zweckentsprechend: Eine kurze, karierte Hose mit einem breiten Gurt, eine Jacke mit modernem japanischem Halsausschnitt und dicht abschließend Arm- und Beinbänder. Es würde, in Kenntnis korrespondierender Darstellungen, verwundern, wenn der komplizierte Hut fehlen würde! Er ist da mit Ausbuchtungen und Röhren, wieder eine antennenähnliche Kopfbedeckung. Unser so deutlich dargestellter Raumfahrer ist nicht nur durch seine Pose in Aktion – dicht vor seinem Gesicht hängt ein Gerät, das er starrend und aufmerksam beobachtet. Der Vordersitz des Astronauten ist vom hinteren Raum des Fahrzeugs, in dem man gleichmäßig angeordnete Kästen, Kreise, Punkte und Spiralen sieht, durch Verstrebungen abgetrennt.“

Peter Kolosimo konnte 1969 nicht umhin, bei der Betrachtung dieser Grabplatte, „an einen Astronauten in der Pilotenkanzel seines Raumschiffes zu denken“, und Robert Charroux erinnerte 1972 das Relief an Gagarin und Carpenter, den ersten sowjetischen und amerikanischen Astronauten, und er nennt die Person im Zentrum des Bildes einen Piloten, der einen Helm trägt, der zum vorderen Teil des Apparates blickt, der einen Hebel bedient, und der „wie der Schalthebel eines Citroen 2 CV aussieht“, der an der Nase ein Atemgerät hat. Und im übrigen sieht das ganze Gefährt aus “ wie eine Rakete und dürfte ein mit Sonnenenergie betriebenes Raumschiff sein“, so Charroux.

Noch 1968 – oder auch etwas früher – will Erich von Däniken bei Kerzenlicht in der 1935 entdeckten Grabkammer gesessen sein, um die Darstellung des Gottes Kukumatz abzuzeichnen, und 1973 korrigiert er zwar das Datum der Entdeckung der Grabkammer auf 1949 bis 1952 (tatsächlich war es der 15. Juli 1952), doch er stellt unbeirrt fest: die Grabplatte zeige ein „Ein-Mann-Raumschiff“ in dem ein Wesen „vornübergeneigt, wie ein Astronaut in der Kommandokapsel, mit einem Helm mit Schläuchen, Sauerstoffgerät, einen Handgashebel der Motorräder ähnlich bedienend, mit einer Art Rollkragenpullover, mit einem Gurt mit Sicherheitsschloss, mit grobmaschiger Hose, mit strumpfhosenartigem Beinkleid sitzt“.

Und weiter meint Erich von Däniken: „Vor dem angeschnallten Astronauten liegen das Zentralaggregat für Sauerstoff, Energieversorgung und Kommunikation sowie die manuellen Bedienungshebel und die Geräte für Beobachtungen außerhalb des Raumfahrzeuges. Am Bug des Schiffes, also vor der Zentraleinheit, sind große Magnete erkennbar: sie sollen um die Raumschiffhülle ein Magnetfeld aufbauen, das bei hoher Geschwindigkeit den Aufprall von Partikeln im Weltraum abwehrt. Hinter dem Astronauten ist eine Kernfusionseinheit zu sehen: schematisch sind zwei Atomkerne, wahrscheinlich Wasserstoff und Helium, dargestellt, die schließlich verschmelzen“, und es ist nach Däniken „unerheblich, ob die Platte als Quer- oder Längsbild betrachtet wird“.

Einige Techniker, wie der amerikanische Flugingenieur John Sanderson und der ungarische Ingenieur László Tóth, haben sich von diesen Überlegungen inspirieren lassen und technische Skizzen angefertigt. Sogar der kritisch eingestellte Wissenschaftsjournalist Ernst von Khuon meinte in seinem 1970 erschienenen Buch „Waren die Götter Astronauten?“, dass die Grabplatte von Palenque „ein eindrucksvoller Hinweis auf die Notwendigkeit einer unkonventionellen Erforschung der Vergangenheit“ ist. Prof. Dr. Siegfried Ruff und Dr. Wilfried Briegleb, vom Institut für Luftmedizin der Deutschen Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt, meinten: „Eine der beeindruckendsten OPTISCHEN Belege für Dänikens Thesen scheint uns die Grabplatte von Palenque zu sein. Man muss sich hier wirklich Gewalt antun, um nicht mit den Augen unserer Tage eine stilisierte Gemini- oder Wostok-Kapsel zu erkennen. Die Körperhaltung der dargestellten menschlichen Gestalt ist eigentlich nur sinnvoll, wenn sie eine Beschleunigung in Richtung Brust-Rücken erhält, und zwar entweder durch die Schwerkraft oder aber, im Sinne Dänikens, durch Raketenschub.“

Wenn man dieses Steinrelief, im Sinne Erich von Dänikens, mit „Weltraumaugen“, unkonventionell betrachtet, stellt es auf den ersten Blick tatsächlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Raumfahrer in seiner Rakete dar. Dabei ist die Betrachtung im Querformat etwas günstiger. Im Hochformat jedoch und bei Betrachtung der einzelnen Details können schon erhebliche Zweifel an der Astronautendarstellung entstehen.

Als erstes fällt die Körperhaltung der Gestalt am Relief auf. In keiner Rakete aber auch in keinem Düsenflugzeug wäre diese Haltung sinnvoll. Wenn nämlich während des Starts der Astronaut sein drei- bis fünffaches Körpergewicht verspürt, wird er wohl kaum die Möglichkeit haben sich nach vorn zu neigen – bzw. sich nach oben zu erheben. Deshalb schlug schon im Jahr 1903 der russische Raketenforscher Konstantin Eduardowitsch Ziolkovsky, die Liegestellung für Astronauten vor, damit diese die Auswirkung der Beschleunigung beim Start ertragen können. Auch für Düsenjägerpiloten ist die nach hinten geneigte Körperhaltung unerlässlich, wenn diese mit Schallgeschwindigkeit (rund 333 m/s = 1198,8 km/h) und darüber fliegen, und sogar die Piloten von Rennautos liegen in extra angepasste Schalensitze. Einzig für Motorrad- und Fahrradfahrer ist die vorgeneigte Körperhaltung zweckmäßig, aber das Steinrelief zeigt ja wohl keinen Formel1-Piloten oder Tour-de-France-Fahrer. Man kann auch nicht mit der Schwerelosigkeit in einem Raumschiff argumentieren, denn das Steinrelief zeigt ja ein „Ein-Mann-Raumschiff“, also ein Zubringerraumschiff, das sich zwischen der Erde und einem Mutterschiff in einer Erdumlaufbahn hin und her bewegt.

Weiters fällt auf, dass sich der vermeintliche Astronaut – bei Betrachtung des Bildes im Querformat- eigentlich im „Damensitz“ befindet, mit graziös abgewinkelten Schenkeln. Handelt es sich vielleicht um eine Astronautin? Die Kleidung besteht ja eigentlich nicht aus einer „kurzen, karierten“ oder „grobmaschigen“ Hose, sondern eher aus einem geflochtenen Rock. Am Gürtel soll ein „Sicherheitsschloss“ zu erkennen sein und tatsächlich ist der vermeintliche Astronaut barfuss. Das angebliche „Pedal“ betätigt er nach hinten und indem er sich darauf stützt, hält er sich so recht und schlecht aufrecht.

Dem vermeintlichen Astronauten ist auch jede Möglichkeit zum bequemen Zurücklehnen genommen, da er im Genick die Verschalung des Raumschiffkörpers sitzen hat. Von einem „strumpfhosenartigen Beinkleid“ und einem „Rollkragenpullover“ kann eigentlich nicht die Rede sein. Die Gestalt ist vielmehr nur mit Bein- und Armreifen bekleidet und sie trägt um den Hals eine Perlenkette mit runden Anhängern, die von den Mayas häufig getragen wurden. Der vermeintliche Astronaut ist überhaupt ein typischer Maya. Irgendein „Zentralaggregat“ mit „manuellem Bedienungshebel, dem Handgashebel der Motorräder ähnlich“ kann man aus den Linien und Kreisen nur schwer herauslesen. Dasselbe gilt für das „Sauerstoffgerät, das er starrend und aufmerksam betrachtet“. Es scheint auch merkwürdig, dass dieses Gerät nicht die Nase UND den Mund bedeckt, wie das bei Sauerstoffmasken üblich ist. Eigentlich berührt dieses „Gerät“ bloß die Nasenspitze. Ein Astronaut braucht bestimmt auch keinen „komplizierten Hut“, wie Däniken bemerkt, um den die Kabel und Schläuche herumflattern. Unsere modernen Raumfahrer haben schön geformte runde oder ovale Helme mit eingebauten Kopfhörern und Mikrofonen. Für fortgeschrittene Raumreisende sollte das erst recht gelten.

Weiters ist bemerkenswert, dass der vermeintliche Astronaut in unmittelbarer Nähe einer angeblichen Kernfusionseinheit sitzt, was wohl nicht sehr günstig ist. Aber vielleicht ist das Relief proportional falsch dargestellt. Vorne in dem Raumschiff sollen sich „Magnete“ befinden, die ein entsprechendes Kraftfeld zur Abschirmung kosmischer Partikel aufbauen sollen, doch abgesehen davon, dass ein derartiges Magnetfeld in einer Rakete – noch dazu in einem Zubringerraumschiff – kaum realisierbar ist, da es ungeheure Energien verschlingen würde, ist die gekrümmte Anordnung der „Magnete“ wenig hilfreich. Da nämlich ein magnetisches Feld hauptsächlich an den Spulenenden – also an den Polen – auftritt, würde bei einer Anordnung wie es das Relief zeigt, die abstoßende wie auch die anziehende Kraft ins Innere des Raumschiffs weisen und wahrscheinlich für die in der Nähe liegenden Instrumente ungünstig sein. Abgesehen davon nützt ein Magnetfeld nichts, wenn es sich nur vorne, an der Spitze der Rakete, aufbaut. Außerdem gibt es im Weltraum Partikel, die durch ein Magnetfeld nicht abgelenkt werden können, wie das immer wieder die auf die Erde fallenden Meteoriten beweisen. Daher ist ein schützendes Magnetfeld für Raumschiffe nicht unbedingt hilfreich, wenngleich es sehr viel Energie kostet und daher kaum realisierbar ist. Derartiges wird vielfach von Sciencefiction-Autoren postuliert, doch praktisch scheint das kaum eine gute Lösung zu sein. Es sei denn, außerirdische Intelligenzen haben unbegrenzte Energien zur Verfügung und sie können verschwenderisch damit umgehen.

Das angebliche außerirdische Vehikel auf der Grabplatte von Palenque ist auch keineswegs „vorn spitz“ und „geht über in merkwürdig gerillte Ausbuchtungen, die Ansauglöchern gleichen“, wie Erich von Däniken bemerkt. Es fehlt vielmehr die vordere Verschalung gänzlich und der „komplizierte Hut“ und die Knie des „Astronauten“ befinden sich völlig im Freien. Am Ende des Fahrzeugs, „außerhalb des Rahmens“, soll sich – dargestellt durch merkwürdige Schlangenlinien- der „Raketenrückstrahl“ befinden. „Wesentlich“ erscheint allerdings vielmehr, dass sich auch innerhalb des „Rahmens“ und an der „Kernfusionseinheit“ derartige Gebilde befinden, sodass diese „Flammen“ aus allen Teilen des Raketenmotors herausschießen. Abgesehen davon pflegt der „Raketenrückstrahl“ außerhalb des „Rahmens“ nicht so abzustrahlen, wie es sich für einen Raketentriebstrahl gehört und wie ihn auch J. Sanderson in seiner Rekonstruktion darstellt. Es scheint vielmehr so, dass dieser Rückstrahl, am Ende des Reliefs, wie auf einer Startrampe, jedoch in UMGEKEHRTER Richtung, einem Widerstand entgegenwirkt. Es kann sich also nicht um einen typischen Raketenrückstrahl handeln.

Man kann also sagen, dass eine Menge Einzelheiten in diesem Relief einer raumfahrttechnischen Interpretation widersprechen. Es gibt offenbar wesentlich zwingendere Merkmale, die das Relief als mythologische Darstellung ausweisen, und die zeigen, dass die Grabplatte im Hochformat zu sehen ist. Im oberen Teil des Reliefs sitzt nämlich der so genannte „heilige Quetzalvogel“ mit seinen langen Schwanzfädern, der von den Mayas sehr verehrt wurde und der in viele mythologische Darstellungen einbezogen wurde. Dies haben schon mehrere Maya-Forscher, wie z.B. Marcel Brion, festgestellt. Dieser Vogel und der auf dem Relief dargestellte Mayafürst haben auch nichts mit dem 305 Jahre nach der Gründung von Palenque verehrten Toltekenfürst Kukulcan (947-999 n. Chr.) gemein.

 

Dieser Quetzalvogel sitzt dann nicht auf seltsamen „Magneten“, sondern auf dem symbolisch dargestellten „Maiskreuz“, das ebenfalls auf anderen Darstellungen zu finden ist. Tatsächlich handelt es sich dabei um gebogene Maiskolben, die das Leben versinnbildlichen sollen. Die Darstellung kann daher auch als Lebenskreuz identifiziert werden. Die Mayas berichten ja über die Schöpfung, wonach „aus Pflanzen, vor allem aus Mais, dem hervorragendsten und eigentlichen Nahrungskorn, das menschliche Wesen gebildet wurde“. Neben dem Lebenskreuz – oder auch Lebensbaum – befinden sich rechts und links Schlangensymbole und am Stamm ist dieser Baum mit Mayaglyphen verziert. Der Quetzalvogel trägt über dem Hals das zweiteilige Banner, das die Tänzer der Mayas bei kultischen Handlungen trugen und das auch zur Abwehr von bösen Geistern diente.

 

Ganz oben und ganz unten, in der Umrandung des Reliefs, befinden sich einige Gesichter, wodurch man das ganze Bild entsprechend herumdrehen kann, was zum Lesen der dort eingravierten Mayaglyphen unerlässlich ist. Was diese Schrift erzählt, ist bis dato nicht ganz klar. Es gibt einige Deutungen, die jedoch nicht ganz überzeugen. Hans-Henning Pantel z.B. meinte aus den Schriftzeichen lesen zu können, dass der abgebildete Mayafürst einem Hitzetod in einem Föhnsturm zum Opfer fiel; und der Archäologe Paul Rivet kam zu der Ansicht, das Relief zeige einen am Opferaltar sitzenden Indianer. Dazu ist zu sagen, dass eigentlich ein Föhnsturm kaum so heiß sein wird, dass jemand dadurch förmlich verbrannt wird und diese Ansicht würde nicht das Maiskreuz an sich und den angeblichen Opfertisch erklären. Was den Tod auf dem Opferaltar betrifft, so kann dies ebenfalls nicht gut möglich sein, denn Palenque fällt in die Zeit der klassischen Periode der Mayakultur (300-900 n. Chr.) und damals gab es bei den Mayas keine Menschenopfer. Es ist auch kaum anzunehmen, dass für einen geopferten Maya ein derart prunkvolles Grabmahl errichtet wurde.

 

Der Archäologe Paul Rivet hat aber noch eine andere Erklärung parat: Sieht man sich das Gebilde an, auf dem der Maya sitzt, dann kann man ganz gut ein zähnefletschendes Ungeheuer erkennen. Rivet meint, es handle sich dabei um den Wettergott und dieser trägt stilisierte Barthaare. Der Entdecker des Grabmahls, Alberto Ruz Lhuillier, kam zu der Ansicht, „der Mittelpunkt des Ganzen bildet eine Jünglingsgestalt, die auf dem Gott des ´Erdungeheuers´, der symbolischen Darstellung des Planeten, ruht“. Tatsächlich scheinen diese Erklärungen plausibler und sie lassen sich auch erhärten. So schreibt Lhullier ganz richtig, in dem oberen, also uns abgewandten Teil des von Hieroglyphen umschlossenen Vierecks“ bemerkt man, „verschiedene astronomische Bildzeichen, so das der Sonne, des Mondes, des Polarsterns und der Venus“, während der „Jüngling“ die Himmelszeichen vor sich betrachtet.

Das Bild im gesamten sieht der Archäologe folgendermaßen: „Auf dem Stein sehen wir einen Mann, der von astronomischen Zeichen, die den Himmel symbolisieren, umgeben ist – die räumliche Begrenztheit der Erde des Menschen und die Heimat der Götter, in der der wandelbare Lauf der Sterne den unerbittlichen Rhythmus der Zeit anzeigt. Der Mensch ruht auf der Erde, dargestellt durch einen grotesken Kopf mit düsteren Zügen, da die Erde ein Ungeheuer ist, das alles Lebendige verschlingt; und wenn der sich zurückbeugende Mensch nach hinten zu fallen scheint, dann deswegen, weil es seine ihm innewohnende Bestimmung ist, auf die Erde, das Reich der Toten, zu fallen. Aber über dem Menschen erhebt sich das bekannte kreuzförmige Motiv, das in manchen Darstellungen ein Baum, in anderen die stilisierte Maispflanze, aber immer das Symbol des von der Erde auferstehenden Lebens ist, das Leben, das über den Tod triumphiert.“

 

Ein Bild auf Papyrus aus Ägypten, aus dem 10. Jahrhundert v. Chr., soll hier als Vergleich dienen und zeigen, dass bei anderen Völkern ähnliche Vorstellungen zu finden sind. Das Bild zeigt den gestirnten Himmel, dargestellt durch die Himmelsgöttin Nut. Unterhalb des Himmels steht der Luftgott Schu und stützt ihn mit ausgebreiteten Armen. Darunter die Erde, dargestellt durch den liegenden Erdgott Geb.

Auch über den Inhalt des Sarkophags im Tempel der Inschriften wurden schon verschiedene Erklärungen angeboten. Nach der astronautischen Version soll es sich bei dem Toten natürlich um einen Raumfahrer handeln. Alexander Kasanzew hat dies schon in den sechziger Jahren deutlich gemacht. Seiner Meinung nach soll es sich „bei dem Bestatteten um einen Nachfolger jener Wesen gehandelt haben, die ehemals zu uns gekommen sind „, und sein Landsmann Andranik Dshagarjan hatte daraufhin sogar ein „Bild von den Gesichtszügen des Palenque-Toten“ angefertigt. Er meinte diese seien „ungewöhnlich“ und „die Nase, beispielsweise, beginne bereits über den Augenbrauen. Sie teilt die Stirn des Unbekannten sozusagen in zwei Hälften. Derartige Rassenmerkmale sind uns bislang auf der Erde unbekannt“. Tatsächlich wurde im Sarkophag eine Jademaske gefunden, die diese Merkmale aufweist. Es handelt sich jedoch um die Gesichtszüge eines typischen Maya mit Hakennase. Diese hatten die Mayas bisweilen besonders deutlich gemacht durch das Anbringen von Kitt um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Auch die zahlreichen Fresken und Steinreliefs an den Mayatempeln zeigen dies deutlich, wo Personen mit ausgeprägten „Adlernasen“ dargestellt sind. Auch von anderen Völkern, wie den nordamerikanischen Indianern, kennt man diese Gesichtsmerkmale. Demgegenüber könnte man einwenden, dass ja all die Völker das Aussehen der außerirdischen Besucher nachahmen wollten, wie das auch bei den Schädelverformungen der Fall sein könnte. Würde man das jedoch zur Grundlage für eine Erklärung nehmen, dann müssten eigentlich hunderte verschiedene außerirdische Rassen auf der Erde gelandet sein, was wohl eher nicht der Fall war.

Die Grabkammer des Tempels ist nicht die einzige ihrer Art bei den Mayas, denn schon Alexander von Humboldt (1769-1859) fand in der Pyramide von Cholula Hohlräume, die als Gräber benutzt wurden. Im Sarkophag von Palenque aber lag ein Skelett, das etwas größer war als die Mayas im allgemeinen sind. Jochim Pahl z.B. meinte, es habe eine Größe von 1,73 m, wonach der Mayafürst zu Lebzeiten 1,80 m groß gewesen sein müsste, was vielleicht stimmen mag. Zu derselben Ansicht kam auch Pieter Coll und er beschreibt auch richtig, dass der Tote im Alter von 40 bis 50 Jahren bestattet worden sein müsste. Über das Datum dieser Bestattung gibt es unterschiedliche Auffassungen: So erkannte Lhuillier auf dem Sarkophag das Datum 27. Januar 633 n. Chr. und er meinte, es sei der Zeitpunkt der Erbauung des Tempels gewesen. Palenque wurde allerdings nach anderen Angaben erst 642 n. Chr. gegründet und 800 n. Chr. verlassen. Es könnte sich also auch um das Datum des Todes des Mayafürsten handeln. Andere Forscher wie Stierling, Thompson, Coe, Anton und Hagen wiederum berichten, dass aus den Inschriften im Tempel von Palenque das Datum 692 n. Chr. hervorgeht.

Der amerikanische Autor Ronald Story berichtet – und zitiert dabei Peter Mathews und Linda Schele -, dass der Mayafürst im Sarkophag „Pacal (=Schild)“ hieß und dass er 605 n. Chr. geboren wurde und 683 n. Chr. gestorben sei. Es ist also offensichtlich nicht leicht ein fixes Datum für die Bestattung des Toten im Tempel anzugeben. Da jedoch Lhullier dem Maya ein Lebensalter von 40 bis 50 Jahren zuerkennt und das Datum 692 n. Chr. ebenfalls 50 Jahre nach der Gründung fällt, ist dieses vielleicht am wahrscheinlichsten. Vermutlich erlangte der Tote im Sarkophag deshalb solche Ehre und so eine außergewöhnliche Bestattung, weil er zur Gründung von Palenque geboren wurde.

Wir können jedenfalls abschließend feststellen, dass überhaupt nichts an dem Steinrelief von Palenque und auch sonst nichts im gesamten Grabmahl im Tempel der Inschriften, auf einen Besuch außerirdischer Intelligenzen hindeutet. Gerade dieses Grab wäre aber dafür prädestiniert gewesen, hat es doch 1260 Jahre ungeöffnet und unbeschadet überstanden. Irgendein EINDEUTIGER Gegenstand von ehemaligen kosmischen Eindringlingen, vielleicht ein komplizierter Mikrochip oder ein geometrischer Kristall oder eine Computerdiskette aus unbekanntem Material, auf denen vielleicht Daten zur Nutzbarmachung der Antimaterie oder ähnliches zu finden sind, wären 1952, im Raumfahrtzeitalter, bestimmt in die richtige Hände gelangt und richtig gedeutet worden – zur Freude der UFO-Gläubigen, der Prä-Astronautik-Anhänger und natürlich auch der herkömmlichen Wissenschaftler. Nichts von all dem ist jedoch in Palenque gefunden worden!

So sind auch die astronautischen Rekonstruktionen der beiden Ingenieure Tóth und Sanderson lediglich das Produkt deren raumfahrtechnischer Phantasie und sie entsprechen nicht – abgesehen davon, dass sie erheblich voneinander abweichen – den Proportionen des Reliefs auf der Grabplatte. Sie stellen proportional ein viel zu kleines Raumschiff dar, das wohl nicht einmal für den erdnahen Raum geeignet wäre.

Natürlich werden sich einige ausreden und das Relief den ungelenken Mayakünstlern zuschreiben, die eben das was sie gesehen haben auf ihre Art dargestellt haben. Wenn man aber nach unwiderlegbaren Beweisen sucht, dann müssen sich genauere Fakten ergeben. Mit einem derartigen Relief, das noch dazu schief und verzogen ist, haben die vermeintlichen Götter-Astronauten keinen Fingerabdruck ihrer einstigen Präsenz hinterlassen. Wir müssen weitersuchen! Leider.

„Wenn auch das Steinrelief von Palenque in der Kette der Indizien wieder abgewiesen wird, dann allerdings muss man den Willen zur Ehrlichkeit beim Prüfen des Sortiments hervorragender Funde bezweifeln“, meinte Erich von Däniken schon 1968. In seinem 1984 erschienenen Buch „Der Tag an dem die Götter kamen“ stellt er erneut eindrucksvolle Bilder von der Grabplatte im Querformat vor, die die Astronautenversion belegen sollen und er meint unbeirrt: „Nirgendwo kann ich ein ‚Erdungeheuer‘, nirgends den ‚Quetzalvogel‘ erkennen“. In seinem Buch „Habe ich mich geirrt?“ von 1985 zeigt er sie wieder im Hochformat in Verbindung mit einer künstlerischen Darstellung eines Raumschiffs. Es ist unbestritten Erich von Dänikens Verdienst, dass dieses Relief seit 1968 eine große Popularität erlangt hat. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch, alle möglichen Prämissen zu berücksichtigen und dann abzuwägen welche davon am ehesten der Wahrscheinlichkeit entsprechen. Die Grabplatte von Palenque sieht auch nach ehrlicher Prüfung wirklich nicht wie ein Hinweis auf außerirdische Götter aus – so sehr wir uns das auch wünschen mögen.

(Textauszug aus meinem Buch IRRWEGE DER GESCHICHTE, Wien 1981, geringfügig überarbeitet und aktualisiert.)

Quellen:

Anton, Ferdinand: Das alte Amerika, Baden-Baden 1967.

Brion, Marcel: Die frühen Kulturen der Welt, 1964.

Ceram, C.W.: Ruhmestaten der Archäologie, Hamburg 1975.

Charroux, Robert: Die Meister der Welt, Düsseldorf 1972.

Coe, Michael D.: Die Maya, Bergisch Gladbach 1968.

Däniken, Erich von.: Erinnerungen an die Zukunft, Düsseldorf 1968.

Däniken, Erich v.: Zurück zu den Sternen; München 1972.

Däniken, Erich v.: Meine Welt in Bildern, München 1975.

Däniken, Erich v.: Der Tag an dem die Götter kamen, München 1984.

Däniken, Erich v.: Habe ich mich geirrt?, München 1985.

Hain, Walter: Irrwege der Geschichte, Wien 1981.

Keel-Leu, Othmar: Zurück von den Sternen, Fribourg 1970.

Khuon, Ernst von: Waren die Götter Astronauten?, München 1972.

Kolosimo, Peter: Sie kamen von einem anderen Stern, München 1969.

Krickeberg, Walter: Altamerikanische Kulturen, 1956.

Krassa, Peter: Als die gelben Götter kamen, München 1973.

Lhuillier, Alberto Ruz: Archeologia, 1964

Pahl, Jochim: Sternenmenschen sind unter uns, München 1971.

Pantel, Hans-Henning: Die Fürsten des alten Mexika; in „Bild der Wissenschaft“, Nr.10/1973.

Rivet, Paul: Cités Mayas, Paris 1954.

Schmitz, Emil-Heinz: Beweisnot, Genf 1978.

Stierling, Henri: Maya, München 1964.

Story, Ronald: The Space-Gods revealed, London 1976.

Thompson, J.Eric S.: Die Maya, München 1968.

Ziolkovsky, K.E.: Space Investigations by means of Propulsion Space Ships, 1914.

Anhang:

„Das Relief auf der Grabplatte zeigt Pacal, der im weit aufgerissenen Rachen der Unterwelt Xibalba liegt. Die Grabkammer selbst gilt dabei als Teil der Unterwelt, da die Grabpyramide ja ein heiliger Berg ist, befindet sich Pacals Sarg sozusagen „unter der Erde“, in Xibalba. Unter Pacal liegt ein Totenschädel, auf dem sich eine Opferschale mit dem Sonnensymbol befindet – der bildhafte Ausdruck der Hoffnung, Pacal möge, wie die Sonne, die Finsternis des Todes überwinden. Über Pacal richtet sich kreuzförmig der Weltenbaum auf, auf dem der Himmelsvogel sitzt.“

Zitat von: http://www.benben.de/Palenque5.html

Quelle:

Schele, Linda und Freidel, David: Die unbekannte Welt der Maya. Augsburg: Weltbild 1994.